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27. Deutscher Krebskongress in Berlin: Vorsicht vor ­Mangelernährung

  

Mangelernährung ist in Deutschland hauptsächlich für ältere und kranke Menschen ein relevantes Problem. Risikofaktoren für die Mangelernährung sind ein hohes Alter sowie die Komorbidität. Mangelernährung beeinflusst nicht nur die Lebensqualität negativ, sondern ist auch Ursache für eine erhöhte Mortalität. Besonders ausgeprägt sind Folgen eines schlechten Ernährungszustandes bei Krebskranken.

Eine aktuelle Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin zeigt, dass Mangel­ernährung im Krankenhaus ein häufiger Zustand ist. Diese erste landesweite Erhebung des Ernährungszustandes von Krankenhauspatienten in Deutschland belegt, dass durchschnittlich 25 Prozent der Patienten, die in Deutschland ins Krankenhaus kommen, bei der Aufnahme schon mangelernährt sind. „Darüber hinaus nimmt Mangelernährung mit dem Alter exponentiell zu“, sagte Herbert Lochs, Charité Berlin.

Das Problem der Mangelernährung betrifft jeden zweiten über 65-Jährigen, stellte die DGEM-Studie bei 2.000 Patienten an 17 deutschen Krankenhäusern fest (Grafik). Nahezu ein Drittel der älteren Menschen mit einer Mangelernährung im Krankenhaus sind Krebspatienten.

Mangelhafte Konsequenz aus schlechtem Ernährungszustand
In Folge der Mangelernährung kommt es zu einer deutlichen Einbuße an Muskelkraft, Bewegungsfähigkeit und Immunabwehr. Die Folgen dieser funktionellen Einbußen sind signifikant längere Krankenhausaufenthalte, höhere Komplikationsraten im Krankenhaus, und deutlich höhere Kosten. Zudem beeinflusst die schlechte Ernährung die Prognose: So ist sechs Monate nach der Ersterhebung festgestellt worden, dass mangelernährte Krankenhauspatienten eine höhere Wiederaufnahmequote hatten und sogar häufiger sterben als normal Ernährte mit der gleichen Diagnose.
Allerdings wird nur bei drei von zehn Patienten überhaupt der Ernährungszustand festgehalten, kritisierte Lochs. Und nur bei zehn Prozent der Patienten in der Studie ist überhaupt eine therapeutische Konsequenz aus dem schlechten Ernährungszustand gezogen worden.

Problem bei Krebspatienten besonders verschärft
Hartmut Bertz, Freiburg, wies darauf hin, dass bei Krebspatienten die Mangelernährung ein besonders Risiko darstellt: „Die Hälfte der Krebspatienten sind schon bei Aufnahme in keinem guten Ernährungszustand. Aber unter der Therapie nimmt der Anteil auf 80% zu. Dies ist unter anderem durch die Nebenwirkungen der verschiedenen Therapien bedingt: So kann eine Bestrahlung eine Mukositis nach sich ziehen, die ebenfalls zu verminderter Nahrungsaufnahme führt. Die Mangelernährung hat bei Tumorkranken dramatische Folgen: Sie gilt neben der Sepsis als die häufigste Todesursache von Krebspatienten. Studien belegen, dass ein Gewichtsverlust bei Tumorpatienten mit vermehrten Komplikationen und einem verminderten Ansprechen auf die Tumortherapie verbunden ist. Reduktion der Lebensqualität sowie Entwicklung von Fatigue sind weitere Folgen.

Früh der Mangelernährung entgegen wirken
Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass eine frühzeitige Supplementierung mit einer Flüssigkost beziehungsweise Sondennahrung den Ernährungszustand und die Rehabilitationsfähigkeit deutlich verbessern kann, so Gudrun Zürcher, Freiberg. Bei zu spätem Beginn lässt sich dagegen oftmals keine Wirkung mehr erzielen. „Allein die Bemessung an einem BMI von unter 21 kann eine zu späte Supplementierung nach sich ziehen“, warnte Zürcher. Entscheidend für einen Tumorpatienten ist die Höhe des Gewichtsverlustes unabhängig vom BMI sowie die Dauer der unzureichenden Energie- und Nährstoffzufuhr, nachdem bereits ein Gewichtsverlust von > 10% als schwerer Gewichtsverlust prognostisch ungünstig ist.

Eine wertvolle Säule der Ernährungstherapie ist die enterale Ernährung, denn sie verbessert laut Untersuchungen nicht nur der Ernährungszustand, sondern auch die Funktionsfähigkeit und die Lebensqualität. Seit Anfang des Jahres wird jedoch eine neue Richtlinie diskutiert, die den ambulanten Vertragsärzten bei der Verschreibung von enteraler Nahrung starke Restriktionen auferlegt. Angesichts der zu erwartenden Folgen der Mangel­ernährung bei Krebspatienten muss alles getan werden, um es auch in Zukunft zu ermöglichen, dass jeder Kranke individuell nach seinen Bedürfnissen therapiert werden kann, forderte Zürcher. br

Bericht vom 27. Deutschen Krebs­kongress, Berlin, 22.–26. März 2006. [Im Focus Onkologie 2006; 9(6): 56]

 
mk, BSMO, 22. Juli 2006


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